Jun 21, 2015 - 0 Comments - Lebensstil -

Zu Besuch bei den Käsköpfen – Eine Reise durch Holland

Sechs Uhr morgens, seit ca. einer Stunde versuche ich auf der Rückbank unseres Volvos, ein wenig „vor zu schlafen“. Leider habe ich diese nicht für mich alleine. Ungeniert piekst mir meine achtjährige Schwester ins Gesicht: „Duuu Lisa, schläfst du etwa?!“ Das war’s dann wohl. Wenn Kathy nicht schläft, kann ich’s erst recht nicht. Auf dieses Problem bin ich jedoch bestens vorbereitet. Ich zücke den Laptop und gemeinsam sehen wir uns „Wall E“ an. Kathy scheint leider nicht halb so begeistert von dem süßen Roboter wie ich zu sein und fragt alle paar Minuten nach Holland, nach Essen, nach Toiletten, wie man das eben so kennt. Langsam habe auch ich keine Lust mehr auf den Film und beschließe nach der nächsten Rast die Weiterfahrt zu übernehmen, solange wir noch in Deutschland sind. Auf die Verkehrsgewohnheiten in Holland bin ich nämlich nicht vorbereitet und bei meinem Glück kassiere ich bei der niederländischen Geschwindigkeitsbegrenzung ruck zuck ein Ticket. Kaum auf der Autobahn muss schon wieder jemand auf’s Klo. Irgendwie kommt vor der holländischen Grenze einfach kein Parkplatz. Eigentlich wollte ich die mobile Datenverbinung meines Handys noch deaktivieren, man weiß ja nie was das Ding an Hintergrundinformationen zieht und im Ausland kann das teuer werden. Ich werde langsam nervös und fahre von der Autobahn ab. Nach einem Zwischenstopp mitten in der Pampa, ziehe ich mich wieder zurück auf die Rückbank. Zeit für ein bisschen Programm zu sorgen. Ohne einen kleinen Sprachkurs, konnte ich meine Familie schließlich nicht auf die Holländer loslassen. Und so gehen wir die wichtigsten Vokabeln kurz durch. In den kommenden Tagen wird die fremde Sprache noch für viel Unterhaltung sorgen. Unsere Lieblingssätze sind „Ik heb een arts nodig“ und „Dit is niet wat ik besteld heb“.

Nach einer fast siebenstündigen Anreise (5 waren geplant, aber was will man machen, wenn ständig einer pinkeln muss?) sind wir endlich angekommen. Unser Ferienhäuschen, eines von vielen in einer hübschen kleinen Ferienanlage ist sehr spartanisch aber liebevoll eingerichtet. Vom ersten Tag an mochte ich den nordischen Flair. Die Häuser im Dorf sind alle einheitlich mit Backsteinfassaden und steilen, teils verzierten Giebeln gebaut und ich frage mich, ob wir nur eine besonders schöne Gegend erwischt haben oder die Holländer bewusst auf die traditionelle Bauart setzen. Am Tag der Anreise waren wir ziemlich fertig und haben nichts weiter unternommen als die Koffer auszupacken und uns die Gegend anzusehen. Abends sind wir durch den Ort spaziert und alles war so unglaublich klischeehaft. Das große Fisch- und Käseangabot, die Nähe zum Wasser, eine Windmühle direkt in unserer Straße und sogar eine jubelnde Fußballmannschaft, die an uns vorbei fuhr. Seltsam fand ich aber die rießigen Fenster, fast so groß wie Schaufenster in Deutschland, durch die man eigentlich komplett in die Wohnungen sehen konnte. Irgendwie schienen außerdem alle Holländer bei Depot einzukaufen. Genau so sah nämlich ÜBERALL der Stil der Einrichtung aus. Ich merkte, in Sachen Wohnen waren sie sich hier alle einig. Später laß ich, dass man sich hierzulande gerne „ausschmückte“ und das dann auch zeigen wollte.

In den folgenden Tagen besuchten wir einige niederländische Städte, unter anderem Rotterdam. Ich liebe Rotterdam! Eigentlich hatte ich mir eine graue Stadt, verschmutzt, mit viel Industrie und Hafengegenden vorgestellt. Das stimmte nur zum Teil. Hafen und Industrie gab es in der Tat recht viel, aber meist außerhalb. Die Hafengegend in der Stadt war sehr sauber, historisch und mit so vielen alten, gut erhaltenen Booten, wie ich sie in Deutschland noch nie auf einem Fleck gesehen habe. Und ständig tauchte eine Gemeinsamkeit zu New York auf, zum Beispiel knallgelbe (Wasser-) Taxis, „The Red Apple„, die Central Station, es gab sogar ein Hotel „New York“. Der erste Wolkenkrazer Europas steht übrigens in Rotterdam (das White Huis). Er ist allerdings „nur“ 43m hoch.

In Amsterdam waren wir natürlich auch. Leider ist die Stadt komplett von Touristen überschwemmt. So wie eben in jeder Metropole, nur dass es in Amsterdam an jeder Ecke Gras und Bordelle gibt, was es wohl zu einer der sündhaftesten Städte Europas macht. Für Kultur scheinen sich aber wohl auch recht viele zu intressieren, denn um ins Anne Frank Haus zu kommen musste ich über eine Stunde anstehen und das war angeblich sehr sportlich. Meine Schwester wollte dann überaschenderweiße auch mit rein und so gingen meine Eltern einen Kaffee trinken und ich versuchte Kathy möglichst kindgerecht zu erklären, wer Adolf Hitler war und warum Juden im dritten Reich untertauchen mussten. Schon nach kurzer Zeit war sie extrem interessiert an dem Thema und so musste ich jeden Text im Museum für sie übersetzen, ihr erklären, um was für Personen es sich bei den ausgestellten Fotos handelt und bei jedem Buch fragte sie, ob das nun das berühmte Tagebuch sei. Ich glaube ich habe ein Museum noch nie so intensiv erkundet. Ich war ebenfalls sehr gerührt, aber auch beeindruckt von der Ausstellung. Der Vorteil in Holland ist, dass eben alles sehr traditionell ist und so braucht es nicht viel Vorstellungskraft sich mehr als sieben Jahrzehnte zurück zu versetzen.

Zweimal waren wir am Meer, der Strand war keine 10 Minuten von unserem Ferienhaus entfernt. Nach unserer Ankunft dachten wir sogar, dass Meer liegt noch viel näher, direkt hinter einem Damm in unserer Ferienanlage. Neugierig sind wir hinaufgeklettert um darüber zu schauen und standen plötzlich mitten in einer Schafherde, die auf dem Damm graste. Das Meer war dann doch etwas weiter entfernt. Zunächst einmal gaben wir uns aber mit den Schafen zufrieden. Wir kommen zwar auch vom Land und wissen prinzipiell wie Schafe aussehen, aber eines hatten wir besonders ins Herz geschlossen. Jedes Mal wenn wir auf den Damm stiegen, rannte es auf uns zu und begrüßte uns. Wenn wir gingen, hörte es nicht auf zu meckern.

Am Stand erlebte ich das erste mal eine richtige Nordsee-Ebbe. Auf eigene Faust unternahm ich eine kleine Wattwanderung. Ich lief bis vor ans Meer und fand Krebse, Fische, Wattwürmer und sammelte Muscheln. Einmal kam eine Welle und schwemmte meine Schuhe davon, die ich auszog, damit sie nicht allzu matschig wurden. Ich sprang hinterher, auch wenn es nur 10€ Schuhe von Primark waren, aber ich hatte nur zwei Paar dabei und keine Lust, den Rest der Woche in Sandalen umher zu wandern.

Abends gingen wir dann Essen, in einem Restaurant in unserem Dorf. Die nötigen Vokabeln um Essen zu bestellen hatten wir eigentlich geübt. Eigentlich. In der Realität lief es dann so ab: Wir schauten in die Karte und verstanden kein Wort. Die Bedienung kam und nahm die Bestellung auf. Meine Schwester war sich unsicher, für was sie sich entscheiden sollte, obwohl (oder gerade weil) sie die Karte ja ohnehin nicht lesen konnte. Wir sprachen auf deutsch mit der Kellnerin. (fast alle in Holland sprechen deutsch, wenn sie kein deutsch sprechen, sprechen sie englisch, unsere Kellnerin war aber wohl etwas besonderes) Die Kellnerin überlegte und antwortete auf niederländisch. Wir überlegten und antworteten auf deutsch. Die Kellnerin fragte nochmal etwas auf holländisch nach. Wir sahen uns ratlos an. Meine Mutter ergriff das Wort und antwortete auf deutsch:“Wir lassen uns überraschen.“ Die Bedienung grinste. Wir bekamen leckeren Fisch mit Bratkartoffeln …und Kathy später ein Kindereis mit Überraschung.

Die Tage in Holland habe ich sehr genossen. Wer sich nicht zwischen Städtereisen und Urlaub am Meer entscheiden kann, sollte unbedingt in die Niederlande fahren und das Land erkunden. Wer weiß, wie lange die Dämme noch halten.

Ach und übrigens: Fahrt niemals, (niemals!) mit dem Auto in eine niederländische Metropole. Wir haben es getan und es war eine Katastrope. Nehmt das Rad oder lauft zu Fuß, und falls ihr zu Fuß lauft, nehmt lieber das Rad.