Feb 09, 2015 - 0 Comments - Meinungsmacher -

Großstadtleben ohne Smartphone: 72 Stunden offline

großstadt ohne smartphone

Vergangene Woche wurde ich Teilnehmer eines unfreiwilligen Selbstexperimentes. Bereits nach weniger Zeit stand ich orientierungslos, völlig isoliert und unerreichbar am Rande der Großstadt und zweifelte daran, am selben Nachmittag noch in die Wohnung zurück zu finden.

Doch von Anfang an: Fünf Tage zuvor stand ich beim Mobilfunkanbieter meines Vertrauens. In Zwei Tagen würde mein Vetrag auslaufen und ich hatte es mal wieder versäumt mich rechtzeitig darum zu kümmern. Es lief darauf hinaus, dass mein Vertrag auslaufen würde und ich erst einige Tage später das passende Angebot meines neuen Vertrages in Anspruch nehmen konnte. Über das Wochenende hatte ich vor, zu meinem Freund in die Stadt zu fahren und den neuen Mobilfunkvertrag bei meiner Rückkehr abzuschließen. Mein Anbieter war zunächst erstaunt, dass ich fünf Tage ohne Anschluss überbrücken wollte. Das hieße, keine Möglichkeit SMS zu schreiben, Anrufe zu tätigen oder das Internet über das mobile Datennetz abzurufen. Er fragte mehrmals, ob das für mich wirklich in Ordnung ginge. „Klar.“, hatte ich gesagt, im Gedanken daran, dass ich ja Wlan in der Wohnung meine Freundes hatte und notfalls auch von seinem Telefon Anrufe tätigen konnte.

Zwei Tage darauf lief dann mein Vertrag aus. Nicht weiter tragisch. Ich saß in der Wohnung, schaute „How I met your mother“, chattete gelegentlich über Facebook und erledigte meine täglichen Workout-Übungen.  Montags wollte ich mit zur Uni kommen und mir eine der Vorlesungen anhören. Fast der gesamte Campus ist mit kostenlosem Wlan ausgestattet, nur so einfach wollte das nicht funktionieren. Mein Freund schaltete daher mein Handy aus um es neu zu starten. „Gib mal schnell die Pin wieder ein.“, sagte er. Scheiße. Wie lang hatte ich das blöde Ding nicht mehr ausgeschaltet? Pin? Irgendwas mit vier… oder drei? Okey, ich war mir sicher, ich hatte die richtige Pin im Kopf. Genau genommen war ich mir 3 mal wirklich sicher. Der Puk bitte.

Kein Mensch kennt seinen Puk auswendig. Egal. Mit dem neuen Vertrag in 3 Tagen würde sich das Problem durch die neue Sim-Karte von allein lösen. Bis dahin musste ich aber ohne Smartphone ausharren. Ich war zuversichtlich, dass das kein Problem werden würde.

Dass dies ein Irrtum war, stellte ich bereits nach ein paar Minuten fest. Während mein Freund noch zu einer weiteren Vorlesung musste, wollte ich schon mal zur Wohnung joggen und danach für das Abendessen einkaufen. Die Sportsachen hatte ich mitgenommen, allerdings brauche ich unbedingt Musik und die war auf meinem Handy. Genauso wie die Fitnessapp, die mir später die gelaufenen Kilometer und Geschwindigkeit anzeigt. Ich ärgerte mich, lief aber dennoch nach Hause.

Dort angekommen ging ich duschen und machte mich mit dem Auto auf den Weg zum Supermarkt, der gerade mal fünf Minuten entfernt lag. Allzu oft bin ich dort aber noch nicht gewesen, was dazu führte, dass ich eine Straße zu früh abbog und im nächsten Stadtteil ankam. Ich fuhr noch eine Viertelstunde verzeifelt durch die Gegend, bis ich einsah, dass ich das Einkaufscenter alleine nicht finden würde. Ich hatte mich bereits so an Google Maps gewöhnt, dass ich nie gedacht hätte, ohne Navi einen nicht einmal fünf Kilometer entfernten Supermarkt nicht zu finden. Würde ich überhaupt von hier zur Wohnung zurück finden? Ich musste jemanden suchen um altmodisch nach dem Weg zu fragen, denn telefonieren konnte ich schließlich auch nicht. Weit und breit keine Menschenseele. Was jetzt? Ich überlegte ob ich eine Telefonzelle finden würde. Gabs die überhaupt noch? Wo waren Taxifahrer und Polizisten, wenn man sie brauchte? Verdammt. Ich könnte einem Linienbus folgen, in der Hoffnung, dass dieser zur selben Haltestelle fuhr, an der ich sonst immer mit meinem Freund ausstieg. Von dort aus würde ich zurück finden. Dennoch überzeugte mich diese Idee nicht. Ich fuhr weiter durch die Gegend, bis ich eine Fußgängerin sah. Ich fragte sie nach dem Einkaufscenter. Die Frau spach leider so schlecht deutsch, dass sie nicht einmal wusste, was „geradeaus“ hieß. Wir verständigten uns mit Händen und Füßen. Wäre ich nicht so verzweifelt gewesen, hätte ich über mein Pech wirklich lachen können. Trotz der Verständigungsprobleme kannte die Frau den Weg. Vom Supermarkt aus fand ich dann auch zurück zur Wohnung. Zum Glück, ich war ja bereits lange genug unterwegs gewesen.

straße weg ohne smartphone notfall hilflos ohne smartphone

Als mein Freund nach Hause kam, erzählte ich ihm die Geschichte. Er schmunzelte, weil er meinen schlechten Orientierungssinn kannte. Gemeinsam fuhren wir zu meiner Freundin, die in der selben Stadt studierte. Zusammen wollten wir an diesem Abend kochen. Sie wohnt am anderen Ende der Stadt, daher war ich stolz, dass ich den Weg auf Anhieb in ihr Wohngebiet fand. Die genaue Adresse hatte ich dann aber vergessen. Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich war einfach verwöhnt, dass mein Smartphone normalerweise alles wusste. „Sag mal, hast du zufällig ihre Handynummer?“ Mein Freund schaute mich entsetzt an und entgegnete: „Das kann jetzt wirklich nicht dein Ernst sein.“ Er schrieb ihr in Facebook, während er mir erklärte, dass ich nicht immer so ungeplant ins Blaue fahren konnte, ohne mich vorher genau zu erkundigen. Meinerseits war ich aber immer noch stolz, dass wir überhaupt im richtigen Stadtteil standen.

Die Tage darauf liefen ähnlich chaotisch. Ich verlief mich andauernd, hatte meistens keine Ahnung wie spät es war, weil ich das Handy erst gar nicht mehr mitnahm und gerne hätte ich hier und da mal ein paar Fotos gemacht oder eine SMS geschrieben. Eigentlich war ich nur noch über Facebook erreichbar und das auch nur, wenn ich mit meinem Freund unterwegs war und Nachrichten gerade zufällig über die mobile Browserversion auf seinem Handy abrief.

Donnerstags stand ich dann im Laden meines Mobilfunkanbieters. Als er meine neue Sim-Karte einlegte, fragte er, wie der Empfang wäre. Ich schaute auf die volle Empfangsanzeige auf meinem entsperrten Smartphone und musste grinsen.